12. August 2013: Einkommenssteuer und Steuerpläne der Grünen

Jeder ist betroffen, keiner weiß bescheid

Das deutsche Einkommenssteuerrecht und die Auswirkungen möglicher Änderungen: Sie sind unmittelbar im eigenen Portemonnaie zu spüren, aber nur schwer nachzuvollziehen. Ein Beitrag zu einem besseren Verständnis der Funktionsweise der Einkommenssteuer und grüner Steuerpläne.

von Oliver Schnuck

Ein vertrautes Szenario, das sich trotz aller Politikverdrossenheit gerade in Zeiten einer anstehenden Bundestagswahl nicht selten abspielt: Freunde sitzen zusammen, einige Neuigkeiten werden ausgetauscht und schließlich kommt das Thema Steuern zur Sprache. Der Ton wird etwas rauer. Selbstverständlich hat jeder eine Meinung zu der Frage, wer welchen Anteil des hart verdienten Gehalts wieder abzugeben hat, ohne es je in den Händen gehalten zu haben. Schlicht und einfach, es geht um Geld und wieviel jedem Einzelnen davon bleibt.

Doch meist bleibt es bei einem Austausch von grundsätzlichen politische Ansichten ohne auf die zugrundeliegenden Fakten und Mechanismen einzugehen. Die Komplexität der Thematik erschwert eine Abschätzung der tatsächlichen Konsequenzen, während eine aufgeladene mediale Berichterstattung selten dazu beiträgt den Nebel aus Halbwahrheiten zu lichten. So gelangt ein solches Gespräch schnell zu dem Punkt, an dem zwar noch viel gesprochen, aber wenig gesagt wird.

So funktioniert die Einkommenssteuer

Im deutschen Steuersystem bestimmt der Verlauf des Grenzsteuersatzes, wie hoch die Belastung des zu versteuernden Bruttoeinkommens ausfällt. Dieser Verlauf wird in der interaktiven Grafik dargestellt. Es lässt sich sagen: Die Höhe der individuellen Steuerlast entspricht der Größe der Fläche unter dem Verlauf der Grenzsteuersatzlinie bis zum jeweiligen Einkommen. Wichtig ist hervorzuheben, dass die zu zahlende Steuerlast also nicht mit dem Anteil des Grenzsteuersatzes am Bruttoeinkommen gleich gesetzt werden kann. Der Grenzsteuersatz gibt lediglich an wie stark der jeweils letzte Euro besteuert wird.

Aktuell weist das Einkommensteuerrecht beispielsweise für ein zu versteuerndes, jährliches Bruttoeinkommen von 50000 Euro einen Grenzsteuersatz von 40.69 Prozent aus. Das bedeutet, dass vom letzten Euro ein Betrag von knapp 41 Cent fällig wird. Entscheidend für die gesamte Steuerbelastung ist jedoch, wie sich der Grenzsteuersatz im Bezug auf niedrigere Einkommen verhält.

Als Durchschnittssteuersatz hingegen bezeichnet man den Anteil der Steuerbelastung am zu versteuernden Bruttoeinkommen. Der Durchschnittssteuersatz auf ein bestimmtes Einkommen ist also stets niedriger als der ihm zugeordnete Grenzsteuersatz. Im Beispiel ergibt sich als Steuerlast eines Singles mit einem zu versteuernden Bruttoeinkommen von 50000 Euro momentan ein Betrag von 12712 Euro, was einem Durchschnittssteuersatz von 25,4 Prozent entspricht – gegenüber einem Grenzsteuersatz von wie erwähnt knapp 41 Prozent. Mit zunehmendem Gehalt nähert sich der Durchschnittssteuersatz dem Grenzsteuersatz jedoch mehr und mehr an.

Die Einkommensteuerpläne der Grünen

Besonders die Pläne der Grünen den Spitzensteuersatz zu erhöhen und niedrige Einkommen zu entlasten haben in den vergangenen Wochen hohe Wellen geschlagen.Von Unverschämtheit und Umverteilung war genauso die Rede, wie Befürworter Vergleiche zu Robin Hood und seinen Gefährten zogen.

Die geplanten Änderungen der Grünen am Verlauf des Grenzsteuersatzes werden in der Infografik visualisiert. Der in die Anwendung integrierte Steuerrechner ermöglicht darauf aufbauend eine Abschätzung der Auswirkung der Steuerpläne der Grünen auf das Einkommen eines Singles im Vergleich zur aktuell gültigen Regelung. Für Einkommen über 52882 Euro ist außerdem eine Aufschlüsselung des Steueraufkommens in zwei Werte möglich, die sich aus der Belastung des Gehalts bis und jenseits dieser Grenze ergeben. Diese Aufteilung verdeutlicht die Entlastung niedriger Einkommen, die in den Steuerplänen der Grünen vorgesehen ist. Alleinstehende Personen bis zu einem zu versteuernden Bruttogehalt von etwa 60000 Euro würden von deren Änderungsvorschlägen profitieren, während Einkommen oberhalb dieser Grenze sukzessive stärker belastet würden.

Inwiefern der Status Quo und die Pläne der Grünen wiederum als gerecht einzustufen sind, bleibt natürlich weiter in den Gesprächsrunden quer durch die Republik zu diskutieren. Dabei versteht sich diese Anwendung als Beitrag zur Versachlichung einer notwendigen Debatte. Schließlich ist die Verteilung der finanziellen Lasten fundamental für den Zusammenhalt einer demokratischen Gesellschaft.

zur Grafik